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Widerstehen aus der Macht des Geistes Das Böse dort angreifen, wo es am Mächtigsten ist... Gestapo-Gefängnis München-Stadelheim,22. Februar 1943, zwischen 16.00 und 17.00 Uhr: Robert und Magdalena Scholl nehmen Abschied von ihren Kindern Hans und Sophie Scholl. |
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Mit ihnen starb am 22. Februar 1943 Christof Probst. Wenige Wochen später werden weitere Todesurteile gegen Mitglieder der Widerstandsgruppe "Weiße Rose" verhängt.
Die Geschwister Scholl und ihre Freunde im studentischen Widerstand hatten
vom Sommer 1942 bis zu ihrer Verhaftung im Frühjahr 1943 sechs Flugblätter
erstellt und verbreitet, in denen sie zum Widerstand gegen den nationalsozialistischen
Terror aufriefen.
So heißt es im Flugblatt VI, dem letzten Flugblatt, das von Prof. Kurt Huber verfaßt wurde:
"Freiheit und Ehre! Zehn lange Jahre haben Hitler und seine
Genossen die beiden herrlichen deutschen Worte bis zum Ekel ausgequetscht, abgedroschen,
verdreht, wie es nur Dilettanten vermögen, die die höchsten Werte
einer Nation vor die Säue werfen. Was ihnen Freiheit und Ehre gilt, das
haben sie in zehn Jahren der Zerstörung aller materiellen und geistigen
Freiheit, aller sittlichen Substanz im deutschen Volk genügsam gezeigt... Studentinnen!
Studenten! Auf uns sieht das deutsche Volk! Von uns erwartet es, wie 1813
die Brechung des Napoleonischen, so 1943 die Brechung des nationalsozialistischen
Terrors aus der Macht des Geistes."
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Für ihre Überzeugung waren Hans und Sophie und die anderen Mitglieder
der Widerstandsgruppe "Weiße Rose" bereit, ihr Leben zu opfern.
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Kurz vor ihrer Hinrichtung werden Sophie Scholl, Hans Scholl und
Christof Probst durch Vermittlung der Gefängniswärter noch einmal zusammengeführt.
Gemeinsam rauchen sie ihre letzte Zigarette.
"Es waren nur ein paar Minuten, aber ich glaube, es hat viel für sie bedeutet".
"Ich wußte nicht, daß Sterben so leicht sein kann",
sagt Christl (Christof) Propst. Und dann: "In wenigen Minuten sehen wir uns
in der Ewigkeit wieder".
Dann wurden sie abgeführt,
zuerst das Mädchen. Sie ging, ohne mit der Wimper zu zucken. Wir
konnten alle nicht begreifen, daß so etwas möglich war.
Der Scharfrichter sagte, so habe er noch niemanden sterben sehen. Und Hans, ehe er
sein Haupt auf den Block legte, rief laut, daß es durch das ganze Gefängnis hallte:
"Es lebe die Freiheit" (I. Aicher-Scholl, S. 64).
Widerstehen aus der Macht des GeistesWoher nahmen Hans und Sophie Scholl und ihre Freunde die Kraft zum Widerstand gegen das verbrecherische NS-Regime? In seiner Bildmonographie "Die weiße Rose" beschreibt Harald Steffahn sehr differenziert den Zusammenhang von Glauben und Politik, jene Macht des Geistes, aus dem heraus die Geschwister Scholl gegen den Nationalsozialismus protestierten und sich massiv auflehnten. |
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| Wir schweigen nicht, wir sind Euer böses Gewissen; die Weiße Rose läßt euch keine Ruhe! (Flugblatt IV). |
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Zwei Tage vor ihrer Verhaftung kann Sophie Scholl sagen: Es fallen so viele Menschen für dieses Regime. Es wird Zeit, daß jemand dagegen fällt. Dagegen fallen - widerstehen - aus der Macht des Geistes - Denken und Handeln von Hans und Sophie Scholl und ihrer Freunde im studentischen Widerstand waren geprägt von einer Sinnesweise, "die den Anlaß zum Handeln dem intensiven Erleben der politischen Realität entnahm, ihre Maßstäbe für Gut und Böse indes aus Gesetzen ableitete, die etwas älter waren als das Tausendjährige Reich. Christliche Botschaft und Politik waren, zumindest für die jungen Scholls, ein Denk- und Tat-Zusammenhang, ein Sowohl-als-Auch. Politik - ja, aber eben anteilig" (H. Steffahn, S. 620.) |
Hinterlassene Tagebuch-Aufzeichnungen und Briefe von Hans und
Sophie Scholl zeigen, wie intensiv sich beide mit dem Christentum und dem
christlichen Glauben auseinandergesetzt haben. Für Hans Scholl wurde
die Begegnung mit dem katholischen Publizisten Carl Muth prägend, dessen
kritische Zeitschrift "Hochland" von den Nazis verboten
worden war. Bei der Lektüre moderner französischer Dichter, Philosophen und
Theologen begegnet Hans Scholl ein überraschend lebendiges
Christentum. "Die Heilige Schrift bekam eine neue, überraschende Bedeutung:
Aktualität brach durch die alten, scheinbar verdorrten Worte und
gab ihnen das Gewicht des Überzeugenden"
(I. Aicher-Scholl, S. 23).
Zwei Tage vor ihrer Verhaftung schreibt Hans Scholl an Rose Nägele (16.02.43):
"... weil ich die Gefahr selbst gewählt habe, muß ich frei, ohne
Bindung, dorthinsteuern, wo ich es haben will.
Irrwege bin ich schon oft gegangen, und ich weiß es, Abgründe tun sich auf,
tiefste Nacht umgibt mein suchendes Herz - aber ich stürze mich hinein.
Wie groß ist das Wort Claudels: La vie, cest une grande aventure vers la
lumiere (Das Leben ist ein großes Abenteuer zum Lichte hin)
(Hans Scholl, Sophie Scholl. Briefe, Aufzeichnungen, hrsg. von Inge Jens, Frankfurt
1984, S. 116).
Ehe Hans Scholl die Todeszelle im Palais Wittelsbach in München verließ, schrieb er mit Bleistift an die Wand:"Allen Gewalten zum Trutz sich erhalten.
Sophie Scholl beginnt im Mai 1942 mit dem Studium der Biologie und Philosophie
in München. Zuvor hatte sie im Frühjahr 1941 zwangsweise ein halbes Jahr
Reichsarbeitsdienst in Krauchenwies bei Sigmaringen abgeleistet, anschließend ein
halbes Jahr Kriegshilfsdienst in Blumberg. Der kasernenhafte Arbeitsdienst veranlaßt
sie, über passiven Widerstand nachzudenken und ihn zu praktizieren.
Über ihren Bruder Hans ergeben sich in München sehr bald Kontakte mit
Schriftstellern, Philosophen und Künstlern, die für ihre Beschäftigung
mit dem Christentum von Bedeutung werden, besonders Carl Muth und Theodor
Haecker. In den Vordergrund tritt die Frage, wie sich der einzelne in einer Diktatur zu
verhalten hat.
1942 muß Sophie Scholl während der Semesterferien zu einem Rüstungseinsatz
in einen Ulmer Metallbetrieb, während ihr Vater gleichzeitig eine Haftstrafe wegen einer
ablehnenden Bemerkung üer Hitler gegenüber einer Angestellten abzubüßen
hat. Beim aktiven Widerstand der Weißen Rose gegen das Nazi-Regime beteiligt
sich Sophie Scholl ohne Einschränkung an der Herstellung und Verteilung der
Flugblätter in verschiedenen süddeutschen und österreichischen Städten.
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Kurz vor ihrer Hinrichtung stellt Sophie Scholl Betrachtungen über
ihren Tod an: "So ein herrlicher, sonniger Tag, und ich soll gehen. Aber wieviele müssen heutzutage auf den Schlachtfeldern sterben, wieviel junges, hoffnungsvolles Leben ... Was liegt an meinem Tod, wenn durch unser Handeln Tausende von Menschen aufgerüttelt und geweckt werden" (I. Aicher Scholl, S. 60). Auf der Rückseite der Anklageschrift, die sich nach ihrer Hinrichtung in Sophies Zelle findet, steht das Wort "Freiheit". Das Böse dort angreifen, wo es am mächtigsten ist...Anfänglich waren beide Geschwister vom Nationalsozialsozialismus durchaus begeistert und hatten in der Hitler-Jugend und im Bund Deutscher Mädel Karriere gemacht.Die Fahrten, die Bewertung von Heimatliebe, Kameradschaft, Volksgemeinschaft und Vaterland sprachen den 15-jährigen Hans und die 12-jährige Sophie in ihrer tiefen Naturverbundenheit und Heimatliebe an. Es waren nicht die Vorhaltungen des Vater, der Hitler mit dem Rattenfänger von Hameln verglich, die die Jugendlichen in zunehmend kritische Distanz zum Nationalsozialismus brachten, sondern die Erfahrungen der Beschneidung der eigenen Individualität: das Verbot, russische und norwegische Volkslieder zur Gitarre zu singen; die Aufforderung, die selbstgenähte Phantasiefahne des Fähnleins abzugehen; das Verbot, Stefan Zweigs Sternstunden der Menschheit" zu lesen; aber auch das rätselhafte Verschwinden eines jungen Lehrers, so wie "die Sache mit den Juden". So entwickelte sich aus allmählich sich einstellenden Zweifeln schnell eine massive Ablehnung des NS-Regimes. lm Sommer 1942 nach dem großen Luftangriff auf Köln verteilten Alexander Schmorell und Hans Scholl erste Flugblätter, deren Gedanken alle um drei Themen kreisen: Widerstand gegen die nationalsozialistische Herrschaft, Wiederherstellung persönlicher Freiheit und die Mitschuld der Deutschen an den Staatsverbrechen. Bei allen Beteiligten der studentischen Widerstandsgruppe bestand kein Zweifel darüber, daß der totale Machtapparat des NS-Regimes nur mit Mitteln der Macht zu stürzen sei: Wenn so eine Welle des Aufruhrs durch das Land geht, wenn es in der Luft liegt, wenn viele mitmachen, dann kann in einer letzten gewaltigen Anstrengung dieses System abgeschüttelt werden. Ein Ende mit Schrecken ist immer noch besser als ein Schrecken ohne Ende (Flugblatt II). In seinen Flugblatt-Aktionen wählte der Kreis der Weißen Rose
für sich selbst den Weg der Aufklärung, um ein Bewußtsein über
den wahren Charakter des Nationalsozialismus und der realen politischen Situation
zu schaffen. Verbunden damit war der Aufruf zum passiven Widerstand: Die Kraft des LeidesWährend der Semesterferien 1942 wurde die Münchner Studentenkompanie, der Hans angehörte, zur Front nach Rußland abkommandiert. In dieser Zeit gewinnt Hans durch die Erlebnisse an der Front und in den Lazaretten, aber auch bewegt durch die Weite und Schwermut des Landes an Reife und Tiefe in seinem Denken. Während dieser drei Monate wird der Vater inhaftiert. Hans schreibt an die Mutter: Heute ist der Tag, an dem Vaters Haft beginnt. (...) Aber er wird diese Zeit überstehen. Weil er stark ist, wird er noch stärker aus der Gefangenschaft in die Freiheit treten. Ich glaube an die unermeßliche Kraft des Leides. Das echte Leid ist wie ein Bad, aus dem der Mensch neu geboren hervorgeht. (...) Wir wollen ihm nicht entrinnen, nicht bis an unser Ende. Wird nicht Christus stündlich tausendfach gekreuzigt? (Brief vom 24.08.42; Inge Jens, S. 107f).Und in seinem Rußland-Tagebuch: Vielleicht wandere ich ein zweites Mal ins Gefängnis, vielleicht ein drittes und viertes Mal. Ein Gefängnis ist noch lange nicht das übelste, vielleicht ist es sogar etwas vom Besten. Vater wird dort vielleicht sein religiöses Erwachen finden. Ich hatte dort die Liebe gefunden, welcher der Tod folgen muß, weil Liebe umsonst verfließt, weil sie keinen Lohn haben kann. Hier sterben täglich zehn, das ist noch nicht viel, und es wird kein Aufhebens davon gemacht. Wieviel Blumen werden achtlos zertreten? Wird nicht Christus stündlich hundertfach gekreuzigt? Und doch blühen Kinder auf, unaufhaltsam, wie junge Birken, zart, mit glänzenden Augen? (...) Wenn nicht Christus gelebt hätte und nicht gestorben wäre, gäbe es wirklich gar keinen Ausweg. Dann müßte alles Weinen grauenhaft sinnlos sein. Dann müßte man mit dem Kopf gegen die nächste Mauer rennen und sich den Schädel zertrümmern. So aber nicht (Tagebucheintrag vom 28. 8. 42; Inge Jens, S. 127f) Parallel mit der Entwicklung ihrer politischen Autonomie vollzog sich bei beiden
Geschwistern ihr Zugang zum Christentum. Durch Freunde wie den Hochland-Herausgeber
Carl Muth, den Publizisten Theodor Haecker und Professor Kurt Huber hatten sie Teil
an dem existenzphilosophischen Diskurs um Kierkegaard, Augustinus und Pascal. Sophie
trennt sich auch nicht im Arbeitsdienst von ihrem Augustinus-Band, als der Besitz
eigener Bücher verboten war. Der Traum von Sophie SchollÜber die letzten Stunden vor ihrer Hinrichtung berichtet die Schwester Inge: Als Sophie nach ihrer letzten Nacht geweckt wird, erzählt sie, noch auf ihrem Lager sitzend, ihren Traum: Ich trug an einem sonnigen Tag ein Kind in langem, weißen Kleid zur Taufe. Der Weg zur Kirche führte einen steilen Berg hinauf. Aber fest und sicher trug ich das Kind in meinen Armen. Da plötzlich war vor mir eine Gletscherspalte. Ich hatte gerade noch soviel Zeit, das Kind sicher auf der anderen Seite niederzulegen - dann stürzte ich in die Tiefe. Sie versucht ihrer Mitgefangenen gleich den Traum zu erklären: Das Kind ist unsere Idee, sie wird sich trotz aller Hindernisse durchsetzen. Wir durften Wegbereiter sein, müssen aber zuvor für sie sterben(Inge Aicher-Scholl, S. 60). Am 23. Februar 1943 erschien in den "Münchener
Neuesten Nachrichten" die Todesmeldung:
Verwendete und empfohlene LiteraturMartin Weidenfelder: »Hans und Sophie Scholl und der Widerstandskampf der Weißen Rose« Hermann Vinke: »Das kurze Leben der Sophie Scholl«, Ravensburger Taschenbuch 1986 Inge Scholl: »Die Weiße Rose« Erweiterte Neuausgabe, Frankfurt 1993, Fischer-Taschenbuch 11802 ISBN 3-596-11802-6 Inge Jens: »Hans Scholl, Sophie Scholl. Briefe, Aufzeichnungen«, Fischer-Verlag Frankfurt 1984. Michael C. Schneider/ Winfried Süß: »Keine Volksgenossen. Studentischer Widerstand der
Weißen Rose«, Harald Steffahn: »Die Weiße Rose mit Selbtzeugnissen und Bilddokumenten«, Leisner, Barbara: 'Ich würde es genauso wieder machen'. Sophie Scholl, CON+LIST Taschenbuchverl., ISBN: 3-612-65059-9
© 2000-2011 Gerhard P. Hirsch; aktualisiert: 21. Okt. 2011
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